Erlanger Nachrichten
Hauptstraße 38
91054 Erlangen

 

 

Erlangen, den 20. März 2021

Offener Brief: Berichterstattung der EN zum internationalen Frauen*kampftag am 8. März 2021

 

Sehr geehrter Herr Stefan Mößler-Rademacher,
sehr geehrter Herr Christoph Benesch,
sehr geehrte Redakteur*innen der Erlanger Nachrichten,

aus Irritation, Unverständnis und Wut über die Berichterstattung am 8. März [1] und die Erklärungsversuche danach [2], wenden wir uns mit diesem Appell an die Redakteur*innen der Erlanger Nachrichten. Wir sind Menschen aus Politik, der Universität, Kulturschaffende und Aktivist*innen und wir sind die Leser*innenschaft der EN, die der Wunsch nach gutem, seriösem und aufklärendem Journalismus in Erangen eint.

Die Diversität der Gesellschaft sollte sich unserer Meinung nach auch in der Medienlandschaft Deutschlands widerspiegeln. Dass dies nicht der Fall ist, liegt nicht zuletzt daran, dass die Redaktionen noch immer von überwiegend weißen Cis-Männern geprägt sind. Diese Zusammensetzung hat einen erheblichen Einfluss auf die Themensetzung, den Inhalt und Wortwahl in der Berichterstattung. Des Weiteren zeigt sich dies darin, wer zu welchen Themen überhaupt befragt wird. Dieses Problem wurde auch bei den EN sichtbar, als ein lokaler Interpret des sexistischen Schlagermilieus zum 8. März, dem internationalen Frauen*kampftag, interviewt wurde.

Als Lokalzeitung einer Universitätsstadt wie Erlangen erwarten wir von den EN eine Berichterstattung, die sich umfassend mit den Belangen der Erlanger Bevölkerung auseinandersetzt. Eine Berichterstattung, in der sich die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegelt, ohne Diskriminierungen zu reproduzieren. Dies kann sich auf verschiedenste Weisen zeigen und umgesetzt werden.

So hat beispielsweise die Deutsche Presse-Agentur im Jahr 2019 den Beschluss gefasst, in Berichterstattungen über Gewaltverbrechen in Familien und partnerschaftlichen Beziehungen künftig keine Formulierungen wie „Familientragödien“ oder „Beziehungstaten“ zu verwenden, sondern korrekterweise von Femiziden zu sprechen. Auch euphemistische Umschreibungen sexualisierter Gewalt sollen künftig nicht mehr verwendet werden. Im Kontrast dazu fanden sich in den EN in letzter Zeit immer wieder derartige Formulierungen.

Ein Standard, der eigentlich bekannt sein sollte, ist durch Artikel 17 der Istanbul Konvention formuliert. Dieser betont die besondere Verantwortung der Medien. Demzufolge sollen Medien Wege finden sich selbst Richtlinien aufzuerlegen, „um Gewalt gegen Frauen zu verhüten und die Achtung ihrer Würde zu erhöhen.“

Bei der Medienberichterstattung der EN zum 8. März, dem internationalen Frauen*kampftag, ist die Einhaltung solcher Standards und die Übernahme von Verantwortung im Hinblick auf die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen* gänzlich misslungen.

Unsere Kritik

Steffen Peter Haas alias Peter Wackel zum internationalen Frauen*kampftag über seine Erfahrungen mit Feminist*innen zu interviewen, zeugt von Unkenntnis, erheblicher Ignoranz und ist im Endeffekt ein antifeministisches Statement durch die EN. Es hätte zahlreiche kompetente Expertinnen gegeben – in etwa die Hälfte der Bevölkerung dieser Welt. Natürlich können und sollen auch Männer über Sexismus sprechen, allerdings in einer sensiblen und informierten Art und Weise. Dies ist dem interviewenden Redakteur in keiner Weise gelungen. Es scheint auch nie das Ziel gewesen zu sein eine kritische Perspektive auf Sexismus und Antifeminismus zu bieten.

Als Reaktion auf Kritik veröffentlichte die EN ein “Erklärungsvideo” mit den beiden Ressortleitern des Erlanger Teils; darin wird von zwei weißen Männern über Feminismus diskutiert. Neben der Tatsache, dass beide Beteiligten männlich waren, fehlt ihnen spürbar jeglicher Bezug und jede Sensibilität für das Thema. Es wird deutlich, dass keiner der beiden Gesprächspartner weiß, was Sexismus bedeutet oder Feminismus ist, während sie als Rechtfertigungsstrategie das Bild der humorlosen, aggressiven Feministin zeichnen. Jegliche Notwendigkeit sich für die Rechte von Frauen* einzusetzen wird von ihnen negiert. Es wird bestritten, dass Frauen* ein ernstzunehmendes Anliegen haben und als Folge deren Alltagsrealität schlichtweg geleugnet. Die Erlanger Nachrichten verharmlosen damit auf sexistische Art und Weise die Gewalt, mit der Frauen* im Alltag konfrontiert sind.

Beide Veröffentlichungen, Interview und Wochen-Nachbesprechung zeigen einen völlig unreflektierten Umgang mit sachlicher und inhaltlicher Kritik. Die EN haben in keiner Weise versucht, umfassend und inhaltlich fundiert Stellung zu beziehen. Sie haben es nicht geschafft offensichtliche Fehler einzuräumen. Sie haben es nicht geschafft, sich zu entschuldigen oder durch ergänzende bzw. berichtigende Berichterstattung dem Anspruch von seriösem Journalismus nachzukommen. Von Journalismus, der ernst genommen werden will, muss mehr kommen als das Abkanzeln von inhaltlicher Kritik durch offenbar fachlich inkompetente Männer am digitalen Stammtisch. (Anmerkung in [3])

Unsere Forderungen

Es ist frustrierend, dass es auch im Jahr 2021 noch notwendig ist, sich für so grundlegende Aspekte von Gleichberechtigung und die Rechte von Frauen* einzusetzen.

Wir verlangen, dass Sie sich als Redakteur*innen der Erlanger Nachrichten mit aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen und auch den Forderungen von Frauen* und Feminist*innen auseinandersetzen und auskennen.

Wir erwarten von den EN als für Erlangen relevantes journalistisches Medium mehr Bewusstsein für ihre politische Verantwortung, dem Nachkommen ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht sowie eine zeitgemäße Berichterstattung.

Wir fordern die Einhaltung journalistischer Standards und das Ende der Verwendung von Clickbaits.

Wir fordern, dass die EN die Berichterstattung über Forderungen von Frauen* ernst nimmt und dem Kampf gegen Gewalt an Frauen* den notwendigen Stellenwert einräumt. Das bedeutet auch, die Verwendung sprachlicher Relativierungen bei Femiziden und sexueller Gewalt einzustellen.

Wir fordern, dass die EN niemanden aufgrund von Hautfarbe, anderen rassifizierenden Zuschreibungen, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter oder sexueller Identität diskriminiert. Das verlangt mindestens auch Vertreter*innen der jeweiligen Gruppe, über die berichtet wird, zu Wort kommen zu lassen und deren Positionen sichtbar zu machen.

Auch wenn wir hier speziell auf zwei Akteure zeigen, besteht kein Zweifel, dass Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und damit weit über das Verhalten der Erlanger Nachrichten hinausreicht.
Wir fordern deshalb auch insgesamt eine klare Verbesserung der medialen Berichterstattung über den Kampf gegen Gewalt an Frauen* und dass die EN ihren Teil dazu beitragen. Guter Journalismus wird sich durchsetzen und das sollte auch Ihr Anliegen sein.

__

[1] Peter Wackel Interview der EN auf nordbayern.de: https://www.nordbayern.de/region/erlangen/partysanger-peter-wackel-das-ist-mir-zu-versaut-1.10899460?searched=true

[2] Wochenrückblick der Erlanger Nachrichten vom 13.3.21: https://www.instagram.com/p/CMENSvkKrk7/

[3] Dieser Brief wurde am 17.03. fertig formuliert und ist anschließend an die Erstunterzeichner*innen weitergegeben worden. Am 18.03. haben die EN ein Statement auf Facebook und Instagram veröffentlicht (https://www.instagram.com/p/CMjiiZYlKvL), in dem sie sich entschuldigen, Reflektion versprechen und ein Podiumsgespräch zum Thema ankündigen. Wir begrüßen, dass sich die EN mit Kritik auseinandersetzen wollen.
Die Entschuldigung räumt aber nicht ein, dass in der Berichterstattung und dem Rechtfertigungsvideo Sexismus und Antifeminismus reproduziert und inhaltliche Kritik einfach weggelacht wird. Stattdessen wird sich lediglich entschuldigt „die Gefühle vieler Menschen verletzt“ zu haben. Diese Formulierung zeigt, dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Kritik nicht stattgefunden hat. Hätten sich die EN diese wirklich zu Herzen genommen, würden sie verstehen und kommunizieren, dass aus so einer Form der Berichterstattung nicht die Verletzung von Gefühlen resultiert, sondern die Reproduktion und Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen und Denkmuster, die sich immer wieder in Gewalt gegen Frauen* entladen. Dazu haben sie beigetragen. Das ist weit mehr als “Gefühle verletzen”. Wir halten daher an unserer Kritik und unseren Forderungen uneingeschränkt fest.

__

Die Initiator*innen

Gruppe 8. März Erlangen

__

Die Erstunterzeichner*innen

Alarmphone Erlangen

Ali Khademolhosseini, Global Young Greens Koordinator Europa

Andrea Winner, Stadträtin

Anna Mina Morina, Schatzmeisterin Grüne Jugend Bayern

Autonomes Frauenhaus Erlangen

Benedikt Mader, politischer Geschäftsführer Grüne Jugend Erlangen

Beratungsstelle Frauennotruf Erlangen

Carla Ober, Stadträtin Erlangen

Christian Eichenmüller, Kreisvorstand Grüne Erlangen

Die Falken Erlangen

Dinah Radtke

Dipl.-Ing. Bianca Fuchs, LBV Geschäftsstellenleiterin

Dominik Sauerer, Stadtrat und stv. Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN/Grünen Liste

Dr. Bilkiss Atchia-Emmerich, Sprecherin Politik & ehem. 2. stellvertr. Vorsitzende Ausländer- und Integrationsbeirat Erlangen

Dr. Birgit Marenbach, Stadträtin und Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN/Grünen Liste

Dr. Pierrette Herzberger-Fofana, EU-Abgeordnete Die Grünen/EFA

Dr.-Ing. Rainer Hartmann, Ingenieur, Vorsitzender BUND Naturschutz in Bayern e.V. Kreisverband Erlangen

Fabiana Girstenbrei, Stadträtin der Erlanger Linken

Felix Klingert, Vorsitzender Jusos Erlangen

FLINTA*-Komitee Nürnberg

Frauenzentrum Erlangen e.V.

FridaysForFuture Erlangen

Frederike Jäschke, Schatzmeisterin Grüne Jugend Erlangen

Fynn Geifes, Jugenparlament Erlangen

Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Erlangen; Katharina Pöllmann-Heller und Christina Nießen-Straube

GRÜNE JUGEND Erlangen

Gruppe Antithese

Gruppo diffuso

Hanna Lagerbauer, Stadtschüler*innensprecherin

Hanna Lampersperger, Medizin und Menschenrechte Erlangen

Haram Dar, Landkreisschüler*innensprecher

Helmut Wening, Stadtrat

initiative kritisches gedenken e.V.

Insa Nippe, FridaysForFuture Erlangen

Internationale Frauengruppe

Johanna Friedrich, Jugendparlament Erlangen

Johannes Pelzer, FridaysForFuture Erlangen

Johannes Pöhlmann, Stadtrat der Erlanger Linken

Jonas Lang, Kreisvorstand Grüne Erlangen

Josephine Taucher, Kreissprecherin DIE LINKE Erlangen/Erlangen-Höchstadt

Julian Traumann, FridaysForFuture Erlangen

Julie Mildenberger

Jürgen Engelhardt, für den Dritte Welt Laden Erlangen

Jusos Erlangen-Stadt

Känguru Kollektiv | Ende Gelände Erlangen

Katharina Trapp, FridaysForFuture Erlangen

Kathi Mock, Moderatorin und PoetrySlammerin

Kerstin Heuer, Stadträtin

LEA

Lena Meiser, Sprecherin Grüne Jugend Erlangen

Lila Block Erlangen

Linette Achenbach, Jugendparlament Erlangen

Luis Sarmiento, 1. Vorsitzender des Ausländer*innen- und Integrationsbeirats

Lukas Eitel, Kreissprecher DIE LINKE Erlangen/Erlangen-Höchstadt

Lukas Nitz, Sprecher Grünen Jugend Erlangen

Lukas Sobotta, Elektroingenieur

Marc Urban, Stadtrat & Kreisvorstand Bündnis 90/Die Grünen KV Erlangen

Marcus Bazant, Stadtrat und Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN/Grünen Liste

Marieke Nass, FridaysForFuture Erlangen

Marko Jovanovic, Stadtschüler:innensprecher

Mit Sicherheit Verliebt (MSV) Erlangen

Paulina Geißler, Medizin und Menschenrecht Erlangen

Paulina Schuster, Jugendparlament Erlangen

PoC Erlangen

Razvan Apetroaei, Jugendparlament Erlangen

Rustam Zamanov, Mitglied des Ausländer*innen- und Integrationsbeirats

Sana Hummady, Mitglied des Ausländer*innen- und Integrationsbeirats, Sprecherin für Öffentlichkeitsarbeit

Saskia Bierhals, Jugenparlament Erlangen

Sebastian Rieckeheer

Seebrücke Erlangen

Simeon Ruth, FridaysForFuture Erlangen

Sophia Ronneberger, Stadtschüler:innensprecherin

Sophia Waldmann, Vorsitzende Jusos Erlangen

Stadt SMV Erlangen

Steffi Sobotta, Personaldisponentin

Susanne Lender-Cassens, Stadträtin & Bürgermeisterin a.D.

Till Fichtner

Tina Prietz, Stadträtin, stv. Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN/Grünen Liste & Kreisvorständin Bündnis 90/Die Grünen KV Erlangen

Wagenplatz Waffeldorf

Wolfgang Winkler, Rechtsanwalt, Vorstand Grüne Liste & ehem. Vorsitzender der Grünen/Grünen Liste Stadtratsfraktion

Yuki, thevulvarinacompany

Zentrum Wiesengrund

__

Weitere Unterzeichner*innen

8. März Bündnis Nürnberg

AdblockArt, Adbustingkollektiv

Alica Hochstatter

Amira Zayed, Mitglied Grüne Jugend und Grüne

Angie Thomas, Sexualpädagogin und WenDo-Trainerin

arsch&frida, feministisches Veranstaltungs- und Konzertkollektiv, Nürnberg

Aylin Bozkurt

BIPoC Initiative Erlangen

Brigitte Malcherek

Brigitte Sachs-Wullenweber, Geschäftsfrau, Erlangen

Britta Gehle, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen Bubenreuth

Catcalls of Erlangen

Catcalls of Nürnberg

Christian Dirsch, Mitglied des Gemeinderats Bubenreuth, B’90/Die Grünen

Clara Butze

CSD Erlangen

dyke*march Nürnberg

Eva März-Babst, Mitglied bei den Grünen und Lehrerin (OStRin) an der Staatlichen BOS in Nürnberg

Eva Hammer, StD’ a.D., Gemeinderätin der Grünen in Möhrendorf, Mitglied des Vorstandes der Grünen im Landkreis ERH

Extinction Rebellion Erlangen

Fachschaftsvertretung der Philosophischen Fakultät + Fachbereich Theologie der FAU

Franziska Fürst, Gymnasiallehrerin

Gabriele Dirsch, Fraktionssprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Bubenreuth

Hannes Hochmuth

International Women’s Café – Student’s Edition

Joana Nüßlein

Julian Meissner, Grüne Jugend Erlangen

Jule, Caro, Franzi und Maggie, Projekt fembreak – Radio Z Nürnberg

Kathrin Preuß

Klimaliste Erlangen

Laetitia von der Schulenburg, M.Sc. Psychologie

Lara Linke, Fridays for Future Erlangen

Lea Beifuß und Georg Heeg, Sprecher*innen des Ortsverbandes der Grünen Bubenreuth

Linksjugend ‘solid Erlangen

Lisa Dirsch

Lisa Eßer, Fridays for Future Erlangen

Lisa-Sophie Tietz

Mara Kortmann, Gemeinderatsmitglied Bubenreuth, Bündnis 90/ Die Grünen

Melanie Gehr, Schulbegleiterin, Mitglied bei Die Linke

Michael Malcherek, Sozialarbeiter und Poetry Slammer

Michaela Häußer

Muriel Schnelle, Mitglied Grüne Jugend Erlangen

Nora Lehnerer, Vorständin Mütter- und Familientreff Erlangen e. V.

Paulus Guter, Stadtteilbeirat Innenstadt

Petra Gräfin Schulenburg, Mittelschullehrerin, Weiden/Opf

ph4nt, “das_synthikat”

Referat für Ökologie und Nachhaltigkeit der Stuve der FAU

Referat gegen Diskriminierung und Rassismus (Ref AntiDisRa) der Stuve der FAU

Referat Queer der Stuve der FAU

Raoul Düsing

Sabine Lehmann

Sarah Fimpel, Hebamme

Sebastian Endres, der studentische Konvent der FAU

Simone Vrckovski, Medienwissenschaftlerin

Sucker Punch Roller Derby Nürnberg

Sven Teicht, Veranstaltungskaufmann

Tessa Reijnders, Sportwissenschaftlerin

Verena Bäumler

Wendy Kraus

Wolfgang Malcherek, EN-Abonnent seit 1991

Zoë Allerdings

__

Wenn du auch unterzeichnen möchtest, schicke uns gerne eine Mail mit deinen Daten (Name, Organisation, etc.) an frauenundqueersstreikerlangen at riseup.net